POLEN AUF DEM WEG IN EINE NEUE EUROPAORDNUNG – ZWISCHEN HOFFNUNG UND SKEPSISJoachim Raczek* Am 1. Mai 2004 haben wir den Beitritt zehn neuer Staaten zur EU gefeiert. Dieser Tag markierte auch für Polen den offiziellen Start in eine neue politische Epoche, eine neue Europaordnung. Persönlich habe ich diesen Tag in Mainz erlebt; am Europa-Kreisel war es mir möglich, die polnische Flagge zu hissen. Gerade hier in Deutschland konnte ich diesen Moment erleben. Das ist doch ein kleines Zeichen, dass sich unsere Beziehungen immer mehr zum Guten wenden. Deutschland und Polen – Europäer und Nachbarn seit mehr als 1000 Jahren! In dieser Zeit hat uns vieles getrennt, vieles haben wir uns einander angetan. Es hat aber in unseren Beziehungen nicht nur düstere Kapitel gegeben, sondern auch viele lichte Momente freundschaftlicher Befruchtung. Heute ist es Zeit und es gibt auch gute Voraussetzungen, dass wir wieder – Deutsche und Polen – darangehen, das europäische Haus neu aufzubauen und sich den Aufgaben der Zukunft Europas zuzuwenden, das Leben in einer Gemeinschaft zu gestalten. Eine große Bedeutung hat hier die Gestaltung von Alltäglichkeit und Normalität zwischen Deutschen und Polen sowie anderen europäischen Nationen. Denn, unlängst waren wir doch noch sehr weit entfernt von einer solchen Normalität. So freue ich mich darüber, mit meiner Anwesenheit in Mainz und auch bei diesem Fest einen kleinen Beweis für die wachsende Normalität geben zu können. Die Begeisterung über den EU-Beitritt ist in Polen nicht so ausgeprägt wie z.B. auf Malta. Nicht alle sind bei uns Europaenthusiasten. Befürchtungen, Sorgen und Skepsis überlagerten oft die Hoffnungen. Viele sind sich nicht im Klaren, was das mit sich bringt: Welche Änderungen und Eingrenzungen, aber auch Chancen! Das Vertrauen ist gesunken. Diese EUSkepsis wurde besonders durch die Debatte um die europäische Verfassung verstärkt. Aber Polen sind eigentlich von Natur aus skeptisch. Und unsere Geschichte – auch die der letzten 65 Jahre – hat uns nicht gerade optimistisch gestimmt. Seit 1939 kannte Polen nur Krieg, Zerstörung, Knappheit und ständige Entbehrungen. Durch das aufgezwungene System sind wir Polen zur Skepsis erzogen worden. Es ist uns aber doch gelungen, trotz allem, uns aus der in Jalta festgelegten Europa-Ordnung herauszukämpfen. Mehr noch, es ist uns gelungen, die Änderung dieser Ordnung zu initiieren. Diese Wende in der Geschichte Europas ging von Polen aus! Eine besondere Rolle spielten hier die polnische Kirche und der neu gewählte Papst Johannes Paulus II. Die Kirche war immer für Polen die einzige Garantie der Kontinuität und der Identität. Es gibt keine zweite Nation, in deren Geschichte die Kirche eine so entscheidende Rolle gespielt hat. Dies ist sicherlich eine Erklärung für die tiefe Religiosität der Polen. Die direkte Verbindung Polens mit einer der größten geistigen Traditionen der Welt gab dem Land das Selbstbewusstsein wieder. Der Papst kannte die Realität Europas wie keiner Seiner Vorgänger. Sein Ziel und Wunsch war immer die Überwindung der Teilung und die Wiederzusammenführung der Völker aus Ost und West. Besonders ermutigend wirkten seine Worte, die Er in Warschau, bei Seinem ersten – nach dem Aufstieg auf den Stuhl Petri – Polen-Besuch 1979 aussagte: „Möge der Geist herabsteigen und das Antlitz der Erde erneuern … dieser Erde“. Da wusste jeder Pole, dass dies der Auftrag war, Polen zu erneuern. Für viele war das auch der Aufruf zum Widerstand gegen das gehasste Regime. In Polen begann auch dann der Prozess der Befreiung vom kommunistischen System mit der Entstehung der „Solidarnosć -Bewegung“. Und das geschah schon 1980, ć also lange bevor Gorbatschow „Perestroika“ und „Glasnost“ einleitete. Die Polen haben somit als erste die Grundsteine zum gemeinsamen europäischen Haus gelegt. Die „Solidarnosć“ hat erreicht, dass durch eine „friedliche, unblutige Revolution“ die Allmacht des Zwangssystems zusammenbrach und ein neues, demokratisches an dessen Stelle trat. Alle Nachbarn haben von diesem Modell profitiert, so dass in Kürze die Mauern zwischen Ost und West gefallen sind. Deswegen sind wir aber nicht in die EU mit dem Gefühl großer historischer Siege beigetreten, aber auch nicht auf den Knien. Polen hat jedenfalls – und das sollte klar gesagt werden – direkt zur Vereinigung Europas deutlich beigetragen. Das geriet aber bei vielen ganz in Vergessenheit, auch bei den Politikern. Viele „alte“ EU-Bürger“ haben auch bis heute noch nicht wahrgenommen, dass die Mauer zwischen Ost und West zerstört wurde. Für einige steht sie noch immer. Ein Beispiel: Ein Deutscher erzählte mir unlängst, dass seine Tochter alleine ein paar Mal in Afrika war, und dass sich die Familie deswegen keine Sorgen machte. Die Angst überfiel sie aber, als die Tochter verkündete, dass sie die Absicht habe, nach Polen zu reisen um dort besonders die östlichen Regionen durchwandern zu wollen. Dieses Beispiel weist daraufhin, dass es weiterhin Vorurteile gibt, welche man geduldig abbauen muss. Das scheint aber nicht so einfach zu sein. Denn wie Albert Einstein sagte:“ Ein Atom kann man leichter spalten als ein Vorurteil“. Die EU ist größer geworden; ob sie jetzt auch die Erwartungen erfüllen kann, muss die Zukunft zeigen. Viele Fragen sind noch offen, die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West sind noch groß, aber auch die Hoffnungen sind groß. Natürlich versprechen sich auch die Polen einiges vom neuen Europa – wirtschaftlichen Aufschwung, politische Stabilität und vor allem anhaltenden Frieden. Die neue Union wird daran gemessen werden, wie und wann konkrete Maßnahmen eingeführt werden, die zum Angleich der Lebensverhältnisse führen. Die Menschen hoffen auf konkrete Ergebnisse; Versprechungen und Politikerreden sind hier nicht ausreichend. Natürlich muss das dauern und verlangt auch Geduld. Und schließlich werden wir uns alle umstellen müssen. Polen und andere neue EU-Mitglieder bringen auch neue Vorstellungen mit ein, sie wollen auch mit entscheiden. Das wird sicher zu Konflikten führen. Aber wir sollten vor allem die Chancen sehen, die uns eine größere Union bietet. Wenn Europa heute nach einer neuen kreativen Orientierung sucht, dann müssen sowohl die westlichen, als auch die östlichen Traditionen berücksichtigt werden. Dabei soll nicht vergessen werden, dass allein schon der Begriff „Orientierung“ vom Wort „Orient“, also Osten kommt. Es erheben sich natürlich für die neue EU einige grundsätzliche Fragen: Was soll die Union verbinden? Was soll das Ideal eines vereinigten Europas sein? Was sichert ihr die Stabilität und die Dauerhaftigkeit? Wie versteht sich das heutige Europa selbst, und wie bestimmt es seine Identität? Reichen hier nur Wirtschaft und Wissenschaft, Politik und Finanzen, Technik und Informatik? Es ist erforderlich, gemeinsame Werte zu definieren, ihre Rolle und Funktion zu bestimmen, um eine Antwort zu finden auf die wichtigste Frage: Quo vadis Europa? Europa ist doch nicht nur ein geographischer Begriff, nicht nur eine Gemeinschaft der Politik, der Wirtschaft und des Marktes. Es ist nämlich schwer anzunehmen, dass die Gemeinschaft nur ein gigantischer „Euro-Supermarkt“ sein soll. Europa ist doch vor allem eine Gemeinschaft des Geistes, der Geschichte und der Werte. Eine Gemeinschaft von Völkern nahe stehender Kultur und historischer Erfahrungen. Und in dieser Gemeinschaft begegnen sich – seit 2000 Jahren – Europa und das Christentum. Europa und seine Kultur haben gewiss seine Wurzeln in der Antike, genauer in der griechischen Philosophie, dem römischen Recht, aber auch in der christlichen Theologie. Dies sind die Quellen einer gemeinsamen abendländischen Familie europäischer Völker mit christlichen Wurzeln, vergleichbar trotz eigenständiger Kultur, eigener Sprache und eigener Geschichte. Diese gemeinsamen Eigenarten sollten in dem neuen Europa gepflegt werden und nicht, wie das einige wollen, mit „Konservatismus“, „Fanatismus“, „Fundamentalismus“, „politischer Unkorrektheit“ usw. abqualifiziert werden. Heute ist es notwendig, die fundamentalen gemeinsamen Werte zu ordnen, auf welchen das neue Europa aufbauen soll. Dafür gibt es keine Rezepte. Es stellen sich eher Fragen. Notwendig ist ein gemeinsames Gedächtnis der Identität und der Kultur, um unser neues Europa verantwortlich zu gestalten. Das ist sehr wichtig, denn es kommt heute zu wesentlichen Interessenverlagerungen der Menschen, zum Wandel im Wertesystem der Europäer, zu einer starken Hinwendung zu konsumtiven, hedonistischen Orientierungen. Deutlich ist eine fortgeschrittene Säkularisierung; für immer weniger Europäer spielt der Glaube als Lebensgrundlage ein Rolle. Kennzeichnend ist auch die Offensive agnostischer Gruppen, die u.a. ihren Einfluss auf Bildungs- und Erziehungssysteme erzwingen wollen und die auch vorwiegend über die europäische Verfassung bestimmen wollen. Das Ausschließen des Gottesbezuges, ja sogar des christlichen Erbes in dieser Verfassung symbolisiert diesen starken Trend. Die europäische Kultur hatte aber immer und hat auch heute noch deutliche christliche Kennzeichen. Wer das nicht wahrnimmt, ist blind. Solche, für unsere Kultur fremden Ansichten, sollten wir uns nicht aufdrängen lassen. Ich bin nicht überzeugt, ob ich die angesprochenen Probleme verständlich machen konnte. Ich weiß auch nicht, ob meine Aussagen nicht wie eine „Rede des letzten Mohikaners“ klingen. Denn die Europäer beweisen uns immer deutlicher, dass sie auch ohne die traditionellen Werte, ohne Glauben und ohne Gott mit ihrem Leben zurecht kommen. „Political correctness“ soll das Maß aller Dinge sein, das einzige Modell der Lebensgrundlage. Diese Entwicklungen werden auch erheblich durch das Verschwinden traditioneller Familienstrukturen gestärkt. Dieser Wandel im Wertesystem der Europäer ruft Bedenken und Fragen auf, neigt zu tiefen Überlegungen. Der Horizont scheint hier eher pessimistisch zu sein. Vielleicht kann man sich aber doch auch eine andere, positive und optimistischen Entwicklung vorstellen. Jedenfalls danke ich, dass es mir ermöglicht wurde, diese hoch komplizierten Probleme darzustellen. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit. * Festrede beim Festkommers des 56. Stiftungsfests des K.St.V. KETTELER zu Mainz am 18.6.2004 von Prof. Dr. Joachim Raczek, Gastprofessor der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Sommersemester 2004 („Polenprofessur“) aus Kattowitz, URL: http://www.sport.uni-mainz.de/RACZEK04/ |
