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"Ein Seelsorger der Tat": Domkapitular Straßer im Alter von 92 Jahren gestorben

Nach: Mainzer Bistumsnachrichten Nr. 35, 1. Oktober 1997

Im Alter von 92 Jahren ist am Samstag, 27. September, der älteste Priester des Bistums Mainz, Domkapitular em. Dr. Ernst Straßer, nach langer Krankheit im Bruder-Konrad-Stift in Mainz gestorben. Straßer wurde 1946 der erste Studentenseelsorger und Pfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde an der neugegründeten Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. Von 1957 bis 1975 leitete er das Bischöfliche Seelsorgeamt in Mainz. In beiden Aufgaben zeichnete er sich durch einen menschenfreundlichen und weltoffenen Reformkurs aus. Vieles, was er damals initiierte oder mitbegründete, hat noch heute Bestand, wie z.B. der Aufbau der Betriebsseelsorge.

Wie Straßer sich nach dem Krieg um notleidende Studenten sorgte,hatte er bereits während seiner Kaplanszeit in Offenbach-St. Paul Hilfen für Arme, Hungernde, Arbeitslose und Wohnungssuchende organisiert. Seine Sorge um die Menschen ließ ihn immer wieder neue, unkonventionelle und mutige Wege in der Seelsorge gehen. Dazu gehörten neben der Nothilfe nach dem Weltkrieg z.B. literarische Gesprächskreise mit den Studierenden, das Engagement in der Behindertenarbeit und die Förderung der katholischen Friedensbewegung Pax Christi, wie auch der kirchlichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Besonders als Hochschulpfarrer trug Straßer sehr viel zur geistigen und geistlichen Erneuerung und Orientierung bei, z.B. in zahlreichen Vorträgen über zeitgenössische Theologie und Literatur. Die Vielseitigkeit seines Engagements und seiner Schaffenskraft spiegelt sich in der Fälle der Aufgaben, die er neben seiner Tätigkeit als Studentenpfarrer wahrnahm. Er war Subregens und Ökonom sowie Repetitor für Dogmatik im Priesterseminar und Stellvertretender Rektor des Bischöflichen Konvikts.

Straßer hatte den Ruf, ein "Seelsorger der Tat" zu sein, der sich immer wieder von den Herausforderungen und Nöten der Zeit bewegen ließ und selbst viel bewegte. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren ihm dankbar dafür, daß er einerseits für einen klaren Kurs sorgte, aber andererseits auch viel Raum zur freien Entfaltung ließ. Dem Leitwort, daß er sich zu seiner Priesterweihe am 24. März 1928 gewählt hatte: "Laßt uns nicht lieben mit Worten sondern in der Tat und Wahrheit." (1 Joh 3,18), ist er bis zuletzt konsequent gefolgt. Lange Jahre wirkte Straßer auch als Geistlicher Beirat der Fraternitüt der Kranken und Behinderten, außerdem auf Diözesanebene als Beirat der katholischen Friedensbewegung Pax Christi. In diesem Rahmen initiierte er besonders Kontakte nach Ungarn und Polen. Ebenso setzte er sich für die Beratung von Kriegsdienstverweigerern ein. Dem Domkapitel gehörte er von 1961 bis zu seiner Emeritierung 1981 an. Nach seinem Ausscheiden als Leiter des Seelsorgeamtes wurde Straßer 1975 mit der Spendung des Firmsakramentes beauftragt. Darüber hinaus widmete er sich noch etliche Jahre der Altenseelsorge. Anläßlich seines Eisernen Priesterjubiläums würdigte Bischof Dr. Karl Lehmann Ernst Straßer mit den Worten: "Sie sind ein Mensch, der von Gott in Beschlag genommen ist, solidarisch mit allen Menschen, die unterwegs sind." Straßer habe es verstanden, die Dankbarkeit für Gottes Fügungen und die Begeisterung aus der Kraft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, nicht wie ein Strohfeuer ausgehen zu lassen, sondern über Jahrzehnte in die Treue des Alltags umzusetzen. So hat er auch sein langes Leiden bis zuletzt mit großer Geduld getragen.

Ernst Straßer wurde am 17. Februar 1905 in Darmstadt geboren und nach Abschluß seines Theologiestudiums am 24. März 1928 durch Bischof Ludwig Maria Hugo im Mainzer Dom zum Priester geweiht. Nach Kaplansjahren in Zellhausen, Budenheim, Offenbach-St. Paul und Bärstadt wurde er 1936 zum Weiterstudium in Rom beurlaubt. Im Juni 1940 wurde er Pfarrer von Eich. In dieser Zeit promovierte er zum Doktor der Theologie. Seit 1942 leitete er die Mainzer Altstadtpfarrei St. Ignaz, wo er vielen Menschen in Not beistehen konnte. Sein beispielhaftes Leben und Sterben wird in einem Wort deutlich, das er an seinem 85. Geburtstag 1990 gesprochen hat: "Ich freue mich riesig auf den Himmel, nach allem, was ich aus der Offenbarung davon weiß. Gott hat uns gern, denn er nennt uns Brüder und Schwestern."

Das Requiem für Ernst Straßer fand am Donnerstag, 2. Oktober, um 14. Uhr, im Mainzer Dom statt. Anschließend wurde der Verstorbene auf dem Domfriedhof beigesetzt. Die Überführung und Aufbahrung in der Bischofsgruft des Domes erfolgte am Dienstag, 30 September, um 17.00 Uhr.